Filbinger, Schmidt, Augstein, Dregger, Kohl, Lummer wären, wie viele andere, im Licht der heutigen Hysterie “völkisch-nationalsozialistisch“. Der angebliche Rechtsruck der Gesellschaft ist in Wirklichkeit ein Linksruck. Was 1995 noch als völlig normal galt, erscheint heute deshalb als rechtsextrem. von Elon Musk sorgt – wie könnte es anders sein? – mal wieder für eine Kontroverse: Auf seinem Nachrichtendienst X, vormals Twitter, retweetete er ein Meme, das zwar harmlos aussieht, aber politische Sprengkraft besitzt. Es zeigt eine Frau und einen Mann, die im Auto sitzen. Sie fragt ihn: „
Warum bist du so weit rechts?“ Er erwidert: „
Ich bin nur ein normaler Kerl aus dem Jahr 1995.“ Musks Tweet ist als Zustimmung für diese im Westen überall zu beobachtende Verschiebung der politischen Koordinaten zu sehen, ja, er bekräftigt die Aussage sogar, indem er den Zeitraum bis 2010 erweitert. Die Aussage dahinter ist simpel und ist wohl jedem schon mal aufgefallen. Der angebliche Rechtsruck der Gesellschaft ist in Wirklichkeit ein Linksruck. Soll heißen: Gerade weil das politische Koordinatensystem so weit nach links verschoben ist, erscheint eine Position, die 1995 noch als völlig normal galt, heute bereits als rechtsextrem. Gerade die Wut, die Musk nun aus den sozialen Medien entgegenschlägt, beweist eigentlich, dass er recht hat. Denn würde er falsch liegen, müsste man dafür ja Argumente vorbringen. Wütend sein kann man auch ohne ausführliche Recherche. Und so heißt es nun auf Social Media, dass Musk nicht einfach auf die Realität der 1990er Jahre verweise, sondern “
rechtsextreme Narrative normalisieren” wolle. Wer Musk allerdings (wenn auch ungewollt) bestätigt, ist ausgerechnet ein Urgestein der amerikanischen Linken – nämlich der Filmemacher Michael Moore. Explizit Musks Aussage zustimmen würde er heute natürlich nicht, doch was Moore 1996 schrieb, kann man in der Rückschau jedoch als Bestätigung auffassen. In seinem Buch „
Downsize This!“ (auf Deutsch erschienen unter dem Titel „
Querschüsse“) findet der Leser ein Quiz und soll raten, ob eine politische Aussage entweder von einem Demokraten oder Republikaner stammt. Für den Altlinken Moore waren beide Parteien natürlich viel zu rechts, weshalb er sie mit dem Begriff „
Republikraten“ belegte.
“Nazis in der Parlamenten”: Wen betrifft dieser Vorwurf wirklich?
Doch auch wenn sich Musk (obwohl Südafrikaner) vermutlich auf die USA bezog, besitzt seine Aussage ebenso Gültigkeit für Deutschland: Wer erst in diesem Jahrtausend geboren wurde – also der “
Generation Greta” angehört –, für den ist die AfD die Wiederkehr des Faschismus, und die CDU ist. trotz aller Kritikpunkte, immerhin diese barmherzige Partei, die ab 2015 Millionen von Flüchtlingen ins Land ließ. Wer heute jung und woke ist, dürfte daher sehr erstaunt sein, dass die CDU des Jahres 1995 eher noch rechtere Töne spuckte als heute die AfD. Und das gilt nicht nur für die Unionsparteien, sondern ähnlich auch für SPD und FDP sowie die Flaggschiffe des deutschen Journalismus. Dabei darf man sich allerdings nicht ganz auf das Jahr 1995 versteifen, sondern muss teilweise ein bisschen weiter in die Vergangenheit reisen oder näher an die Gegenwart rücken. In den vergangenen Jahren hieß es mit jedem Wahlerfolg der AfD, dass nun erstmals seit dem Ende des Dritten Reichs wieder “
Nazis in die deutschen Parlamente” einziehen würden. Ein solcher faktischer Fehler wäre zumindest den Altlinken niemals unterlaufen – denn diese hätten gewusst, dass in den 50er und 60er Jahren zahlreiche frühere NSDAP-Mitglieder in Amt und Würden waren. Vielleicht auch in den 70ern, 80ern und 90ern? Nun, wenn man es ganz genau nimmt, findet man den letzten Nazi auf Bundesebene im Jahr 2004; damals wurde nämlich Hans Filbinger, Ministerpräsident a. D., von der CDU als Mitglied der Bundesversammlung nominiert. Dies war eine eher symbolische Entscheidung, da die Bundesversammlung einzig und allein für die Wahl des Bundespräsidenten zusammentritt. Filbinger war Mitglied der NSDAP gewesen und hatte als “
furchtbarer Richter” (Rolf Hochhuth) Todesurteile gegen Deserteure ausgesprochen, weshalb er in der nach ihm benannten Affäre als Baden-Württembergischer Ministerpräsident 1978 zurücktreten musste. Als er im Jahr 2007 im Alter von 96 Jahren verstarb, nannte ihn sein Amtsnachfolger Günther Oettinger allen Ernstes einen „
Gegner des NS-Regimes“.
Gegen Dregger & Co. wäre die AfD links
Wenn man nach einem aktiven Politiker sucht, wird man spätestens noch in den 1990er Jahren fündig: Mit der Bundestagswahl 1998 schied Alfred Dregger aus dem Parlament aus, in dem er von 1982 bis 1991 die Unionsfraktion geleitet hatte. Er war Mitglied der NSDAP gewesen – auch wenn er sich nicht an Verbrechen beteiligt hatte – und galt als wichtigster Fürsprecher des nationalkonservativen Flügels, auch genannt: der “
Stahlhelm-Fraktion”, gegen deren Verlautbarungen die Ansichten der AfD (bis hin zu den plakativ verkürzten Zitaten, die bis heute Alexander Gauland oder Björn Höcke bei jeder Gelegenheit als scheinbare Beweise ihrer angeblich rechtsextremen Gesinnung um die Ohren gehauen werden) geradezu links-gemäßigt anmuten. Trotzdem waren auch dieser Parteiflügel damals ein unbestrittener integraler Bestandteil der Union. Bis in die 80er Jahre hatte sich in Deutschland der Mythos von der „
sauberen Wehrmacht“ gehalten. Nach dieser Auffassung gingen die Massenverbrechen an der Ostfront rein auf die SS-Einheiten, aber eben nicht auf die reguläre Armee, die Wehrmacht, zurück. Das war zwar historisch falsch, wurde in der Öffentlichkeit aber nicht weiter infrage gestellt. Selbst in der SPD hatte diese Sichtweise Anhänger. Politisch erstaunlich, doch menschlich verständlich: Schließlich wollte auch so manch Sozialdemokrat nicht darüber nachdenken, ob sein Vater womöglich in Russland Frauen und Kinder erschossen hatte. Zu einem gesellschaftlichen Wandel kam es erst in den 90er Jahren mit der von Jan-Philipp Reemtsma mitfinanzierten “
Wehrmachtsausstellung” des
Hamburger Instituts für Sozialforschung, das auf Fotos die Verantwortung für Kriegsverbrechen festhielt.
Möllemann und der proarabische Aktivismus
Zu diesem Zeitpunkt bröckelte zwar der gesamtdeutsche Konsens, aber zumindest die CDU stand klar an der Seite der Weltkriegsteilnehmer, vor allem, als es um die Zurückweisung der Parole “
Soldaten sind Mörder“ ging. Alfred Dregger bekräftigte damals im Bundestag noch einmal die Legende der sauberen Wehrmacht – und die Unionsfraktion folgte geschlossen dem Antrag ihres Vorsitzenden Wolfgang Schäuble, der sich gegen eine Station der Ausstellung in den Räumen des Reichstags aussprach. Bekanntermaßen hatte Maximilian Krah sich vor zwei Jahren – auf ganz ähnliche Weise wie damals Dregger über die untadelige Wehrmacht – über SS-Männer geäußert, was dann aber auch seiner eigenen Partei zu viel wurde. Den sicher geglaubten Posten als Delegationsleiter im Europäischen Parlament trat der Spitzenkandidat dann nicht an (seine im Ausland empört zur Kenntnis genommenen Aussagen hatten außerdem Anteil am Ausschluss der AfD aus der Patrioten-Fraktion im EU-Parlament). Bei der Bundestagswahl 1998 stammten grob geschätzt ein Viertel aller Stimmen von Wählern, die noch in der Zeit des Nationalsozialismus aufgewachsen waren. Im noch im Jahr 2000 wollte immerhin ein gutes Viertel der Unionsfraktion nicht für Entschädigungszahlungen an jüdische Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs zahlen. Einige Parlamentarier fielen dabei mit lupenrein antisemitischen Aussagen auf. Ein anderes Beispiel: Jürgen Möllemann (FDP) war in den 90er Jahren Wirtschaftsminister und Vizekanzler. Er galt aufgrund seiner Geschäftsbeziehungen in die arabische Welt als Freund der Palästinenser und sprach sich mehrfach gegen die israelische Regierung aus. 2002 sorgte Möllemann für Empörung, weil er Verständnis für Selbstmordattentate durchklingen ließ – und einen arabischstämmigen Grünen-Politiker, der Israel „
Nazi-Methoden“ vorgeworfen hatte, in die Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen aufnahm. Im Jahr darauf stellte er in seinem Buch „
Klartext“ wilde Spekulationen darüber an, es habe einen Deal zwischen der amerikanischen und der jüdischen Regierung in Bezug auf den Irakkrieg gegeben: Israel wolle die Palästinenser aus dem Westjordanland nach Jordanien abschieben und sein Nachbarland zur Aufnahme bewegen, indem es ihm in Aussicht stellte, Gebiete des Irak zu erhalten (23 Jahre später verläuft die Ostgrenze Jordaniens noch immer an gleicher Stelle; soviel dazu).
Von Habsburg bis Lummer
Der verhinderte österreichische Kaiser Otto von Habsburg saß von 1979 bis 1999 für die CSU im Europäischen Parlament. 2002 gab er mit Blick auf den bevorstehenden Irakkrieg an, dass die weißen Amerikaner kaum noch Einfluss auf die US-Politik hätten und vor allem Juden das Pentagon dominieren würden. 2008 trat er auf Einladung der ÖVP im Nationalrat auf und wollte Österreich nur als Opfer Hitlers sehen. Heinrich Lummer war in den 1980er Jahren stellvertretender Berliner Bürgermeister und Innensenator. Er gehörte in den 90er Jahren dem Bundestag an. Damals sprach er sich gegen die Aufnahme von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion aus. Auch schrieb Lummer, dass die USA sich für die türkische Masseneinwanderung nach Deutschland stark gemacht hätten, weil sie seit dem Zweiten Weltkrieg vorhatten, “
das deutsche Volk auszulöschen”. Als Deutschland Ende der 90er Jahre über die Errichtung eines Holocaust-Mahnmals in Berlin diskutierte, ließ sich Helmut Kohl dahingehend zum Thema ein, dass die US-„
Ostküste“ dessen Bau wünsche. Ostküste ist als Codewort für die wirtschaftliche Macht der in New York ansässigen Juden zu verstehen. Auch “Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein schlug in dieser Debatte ebenfalls latent antisemitische Töne an und sprach von einem „
Schandmal“ und einer „
Monstrosität“. Wörtlich schrieb er in seinem Magazin: „
Man kann uns nicht von außen diktieren, wie wir unsere neue Hauptstadt in Erinnerung an die Vergangenheit gestalten.“ Augsteins Erben nehmen praktisch identische Formulierungen Björn Höckes heute zum Anlass, diesen als Faschisten oder Nationalsozialisten zu titulieren.
Deutschland, deine Kanzler
Helmut Kohl hatte zu Beginn seiner Amtszeit noch geplant, die Zahl der Türken in Deutschland um die Hälfte zu „
reduzieren“, denn es sei „
unmöglich für Deutschland, die Türken in ihrer gegenwärtigen Zahl zu assimilieren.“ Der Kanzler störte sich an Zwangsehen und Schwarzarbeit. Kurz gesagt: Kohl plante eine Remigration, die weit über das hinausreicht, was selbst in Potsdam überhaupt nicht gesagt wurde Und Kohls Vorgänger Helmut Schmidt hatte 1992 – damals also schon nicht mehr im Amt – wiederholt betont, dass es Deutschland kein Einwanderungsland sei: „
Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen Weder aus Frankreich noch aus England, noch aus Deutschland dürfen Sie Einwanderungsländer machen. Das ertragen die Gesellschaften nicht. Dann entartet die Gesellschaft! Es kann dazu kommen, dass wir überschwemmt werden.“ Gerhard Schröder positionierte sich 1997 deutlich: „
Wir dürfen nicht mehr so zaghaft sein bei ertappten ausländischen Straftätern. Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eins: raus, und zwar schnell.“ Und auch wenn Angela Merkel wohl als “
Flüchtlingskanzlerin” in die Geschichte eingehen wird, klang sie 2003 noch ganz anders: „
Da muss man natürlich darüber sprechen, dass es den Missbrauch des Asylrechts gibt. Da muss man natürlich sagen, die Folge kann nur sein, Steuerung und Begrenzung von Zuwanderung. Alles andere wird keine Akzeptanz in der Bevölkerung finden. Manche unserer Gegner können es sich nicht verkneifen, uns in der Zuwanderungsdiskussion in die rechtsextreme Ecke zu rücken, nur weil wir im Zusammenhang mit der Zuwanderung auf die Gefahr von Parallelgesellschaften aufmerksam machen.“ All diese Politiker dieser sich mittlerweile als Vertreter “
UnsererDemokratie
” gerierenden Pateien wären, wie unschwer zu erkennen ist, mit diesen Aussagen heute ein Fall für den Inhaltsgeheimdienst und ihre Aussagen müssten nach den an die AfD angelegten Maßstäben als “
gesichert rechtsextrem” gelten. Die Verschiebung der politischen Koordinaten in den letzten drei Jahrzehntenist hier also keine bloße Vermutung, sondern evident.
Als der “Spiegel” noch islamophober war als alle heutigen “Schwurblermedien” zusammen
Doch es gibt noch weitere Beispiele, gerade was die gesellschaftspolitische Sichtweise der deutschen Medien anbelangt. So erschien noch 1989 in der “Zeit” eine Verteidigung des Psychologen Arthur Jensen, der zu rassischen IQ-Unterschieden forschte. Und der “Spiegel” hatte in den 1990er Jahren eine klar islamkritische Ausrichtung, sich nicht nur scharf in der Sache, sondern auch in der Rhetorik manifestierte. Teilweise klangen die Artikel so wie heute AUF1-Kommentare oder Pressestatements der “
Freien Sachsen”. Heute erblickt der “Spiegel“ in US-Polizisten, die in Notwehr bewaffnete Schwarze erschießen, “
Rassisten”, doch 2002 war das noch anders: Damals erschien ein Artikel, der anerkennend bemerkte, dass Schwarze es mittlerweile geschafft hätten, in Politik, Wirtschaft und Universitäten aufzusteigen. Wer dennoch im Ghetto verharre, tue dies nur, weil er es sich in seiner Opfererzählung gemütlich eingerichtet habe. Logischerweise umfasst eine Zitatsammlung stets nur das, was gesagt wurde, aber nicht, was
nicht gesagt wurde. Würde man diesen negativen Ansatz verfolgen, würde noch etwas ganz anderes auffallen: Der “
Klimawandel” war in den 90er Jahren eher ein Randthema und wurde damals auch von den Grünen noch als politisches und nicht wie heute als quasi-religiöses Thema behandelt. Über die völlige rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen wurde noch – durchaus ergebnisoffen – diskutiert, und dass es nur zwei Geschlechter gibt, wussten damals selbst Linke. Was folgt nun aus all diesen Beobachtungen? Die Neunziger sind mittlerweile 30 Jahre her. Und diese 30 Jahre bedeuten, dass die noch im Dritten Reich sozialisierten Wähler von einer relevanten Minderheit zu einer verschwindend geringen Minderheit geworden sind (nur noch knapp sieben Prozent der lebenden deutschen Bevölkerung wurden vor 1945 geboren). In der noch recht jungen AfD finden sich denn zwar auch analoge Äußerungen – nur eben deutlich seltener. Alexander Gauland forderte vor fast 10 Jahren Respekt vor Wehrmachtssoldaten ein und es vergingen dann wieder mehrere Jahre, bis sich Maximilian Krah deutlich schärfer in Richtung der SS-Soldaten äußerte und auch viele Parteifreunde gegen sich aufbrachte. An dieser Front kann die AfD einfach keine Schlacht mehr gewinnen.
Als die CDU selbst noch antisemitisch war…
Auch fällt auf, dass die damalige CDU definitiv antisemitischer war als alles, was der heutigen AfD unterstellt wird. Das spricht die AfD nicht komplett von Antisemitismusvorwürfen frei, jedoch fällt auf, dass dergleichen früher selbst in der Spitze der Unionsparteien zu vernehmen war, während man in der AfD dann schon eher in der zweiten und dritten Reihe nach derartigen Aussagen suchen muss. Symptomatisch ist, dass in manchen linken Anklagen (man könnte zynisch auch von einem „
Best of“ sprechen) häufig ein Fall aus dem Jahr 2014 erwähnt wird. Damals hatte ein AfD-Mitglied ohne öffentliches Amt in Stockelsdorf (wo ist das?) einen Vortrag gehalten, in dem die Existenz von Gaskammern angezweifelt wurde. Die Veranstaltung war jedoch äußerst dürftig besucht und im Publikum regte sich wegen der Aussagen Unmut. Nach der Einleitung eines Parteiausschlussverfahrens trat der Übeltäter aus. Wenn man bei hochrangigen AfD-Mitgliedern dann doch auf antisemitische Äußerungen stößt, fanden diese oft noch vor der Parteigründung statt – oder es handelt sich um Fremdumschreibungen durch Uminterpretation von unverfänglichen Begriffen wie etwa “Globalismus” zu “
antisemitischen Chiffren“. Sicher, es gibt vereinzelt Antisemitismus in der AfD, doch ist dieser weder strukturell noch ansatzweise mehrheitsfähig. Und wer heute vor einem “
großen Austausch” warnt, stellt dabei in aller Regel – anders als noch Lummer – gerade keinen Bezug zur NS-Propaganda her. Auch Höcke, der sich klar gegen das Holocaust-Mahnmal positionierte (worüber man sich natürlich trefflich streiten kann), tat dies zumindest ohne antisemitische Untertöne. Vor allem jedoch steht die heutige AfD fester an der Seite Israels als die CDU der 90er Jahre. Das liegt wohl daran, dass der Islam in den 90er Jahren eher noch ein „
Luxusproblem“ war, oder eher ein Problem neben vielen, aber noch keine existenzielle Bedrohung der Gesellschaft. Nach dem 11. September 2001 ist vielen Rechten dann eingefallen, dass man Israel vielleicht doch eher als Bündnispartner an seiner Seite wissen sollte.
“Belastungsmaterial” in Zeiten von Social Media
Was immer man heute gegen die AfD in langen Zitatsammlungen an “
Beweisen“ vorbringt, die eine angeblich antisemitische, rechtsextreme, rassistische oder undemokratische Haltung der Partei belegen sollen , findet sich fast immer eine ähnlich radikale (oder deutlich radikalere) Äußerung aus CDU-Kreisen, die etwa 30 Jahre zurückliegt. Mit einer Ausnahme: Bei AfD-Politikern – wenn auch fast immer nur von solchen aus den hinteren Reihen – finden sich durchaus teilweise üble Kraftausdrücke oder Gewaltfantasien; hierbei ist aber anzumerken, dass es sich dabei um eine Folge der digitalen Totaltransparenz handelt. Dergleichen wurde praktisch nie in Stadtrats- oder Parlamentsreden oder gar in Reden und Interviews geäußert, sondern meist hinter verschlossenen Türen in internen Chats. Whatsapp und Social Media gab es aber in den 90ern noch nicht – und was in den Zeiten vor dem Internet bei Stammtischen, Klausuren oder privaten Zusammenkünften an der Basis der damaligen Volksparteien alles abgesondert wurde, will man sich gar nicht ausmalen. Wer ein wenig recherchiert, findet schnell heraus, dass gerade der Unionsnachwuchs, also JU und RCDS häufig mit Kontakten zu NPD-nahen Burschenschaften auffiel – und das das, was so mancher CDU-ler dort zum Besten gab, es nie bis in die Öffentlichkeit schaffte, war für alle Beteiligten vermutlich ein Segen. Soll das nun heißen, dass etwas normal war, bloß weil es 1995 normal war? Nein, es kann natürlich bereits damals falsch gewesen sein. Es gilt jedoch, nicht einfach zwischen den Polen “
richtig“ und “
falsch“ zu unterscheiden, sondern eine gesunde Mitte zu finden. Die antisemitischen Äußerungen der 90er Jahre und die Verharmlosung der Wehrmacht waren schon damals grundfalsch; doch das exakt gegenteilige Extrem, nämlich aus den damaligen Verbrechen zu schlussfolgern, Flüchtlingen aus allen Teilen der Welt ins Land zu lassen um eine historische Schuld abzutragen, ist ebenfalls grundfalsch. Vor allem zeigt sich am Vergleich zwischen damals und heute eines: Wenn es “
Faschismus“ sein soll, was uns im Fall einer AfD-Regierung drohen sollte, dann wäre dieses Szenario bereits unter Helmut Kohl Realität geworden. Der Beitrag ist zuerst erschienen auf und wurde geschrieben von .